„Mein Pferd verarscht mich“? Warum unsere Worte das Pferdetraining beeinflussen
Vielleicht hast du diesen Satz schon einmal gesagt oder zumindest gedacht:
„Mein Pferd verarscht mich.“
Oder vielleicht kennst du Aussagen wie „Der testet mich“, „Die ist einfach stur“ oder „Der weiß ganz genau, dass er das nicht darf“.
Solche Aussagen sind im Pferdebereich weit verbreitet. Und meistens entstehen sie gar nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus. Wir hören diese Sprache von Reitlehrer:innen, Stallkolleg:innen oder anderen Pferdemenschen und übernehmen sie irgendwann ganz selbstverständlich.
Aber macht es eigentlich einen Unterschied, wie wir das Verhalten unseres Pferdes beschreiben?
Eine aktuelle Studie hat genau diese Frage untersucht – und die Ergebnisse sind interessant, weil sie zeigen, dass unsere Worte durchaus beeinflussen können, wie wir anschließend auf das Verhalten eines Pferdes reagieren.
Was denkst du über dein Pferd?
Eine aktuelle Studie über Sprache im Pferdetraining
Die Studie „Words matter: The prevalence and impact of negative emotive language in the equine industry“ wurde 2026 von S. A. Catherall-Ostler, A. M. Catherall-Ostler, G. Pearson und A. R. Hollis veröffentlicht.
Die Forschenden wollten unter anderem herausfinden, wie häufig negative und emotional gefärbte Begriffe im Pferdebereich verwendet werden und ob diese Sprache beeinflusst, wie Menschen auf unerwünschtes Verhalten reagieren.
Dafür wurden 355 Menschen mit mindestens fünf Jahren Pferdeerfahrung befragt. Das Ergebnis ist ziemlich deutlich: 97 % der Befragten gaben an, selbst schon negative Begriffe für Pferdeverhalten verwendet zu haben. Alle Befragten hatten solche Begriffe außerdem bereits von anderen Menschen gehört.
Zu den untersuchten Beschreibungen gehörten unter anderem Begriffe, die Pferde als „stur“, „schwierig“, „frech“, „böse“ oder „respektlos“ darstellen.
Was passiert, wenn wir dasselbe Verhalten unterschiedlich beschreiben?
Die Teilnehmenden sahen Videos mit Pferden, die unerwünschtes Verhalten zeigten. Anschließend wurde ihnen das Verhalten beschrieben. Dabei war das gezeigte Verhalten identisch, die Beschreibung unterschied sich jedoch: Ein Teil bekam eine neutrale Formulierung, ein anderer eine negativ-emotional gefärbte Beschreibung. Anschließend sollten die Teilnehmenden angeben, wie sie mit der jeweiligen Situation umgehen würden.
Dabei zeigten sich Unterschiede in den vorgeschlagenen Reaktionen. Negative Beschreibungen waren unter anderem damit verbunden, dass eher Sedierung oder in bestimmten Situationen positive Bestrafung vorgeschlagen wurde. Gleichzeitig wurde seltener empfohlen, dem Pferd Zeit zu geben oder mögliche emotionale und körperliche Ursachen zu berücksichtigen.
Besonders interessant: Schon kleine Veränderungen in der Beschreibung konnten die Einschätzung beeinflussen, obwohl alle Personen dasselbe Verhalten auf dem Video gesehen hatten.
„Mein Pferd verarscht mich“ verändert nicht das Pferd – aber möglicherweise unseren Blick
Natürlich versteht dein Pferd nicht plötzlich die Bedeutung des Wortes „verarschen“ und entscheidet deshalb, sich anders zu verhalten.
Der interessante Punkt liegt woanders: Was macht diese Beschreibung mit uns?
Wenn ich sage „Mein Pferd hat gerade Angst“, dann beschreibe ich das Verhalten aus einer ganz anderen Perspektive, als wenn ich sage „Mein Pferd stellt sich an“.
Und wenn ich davon ausgehe, dass mein Pferd mich „verarscht“, unterstelle ich ihm eine ganz bestimmte Absicht. Ich gehe davon aus, dass es genau weiß, was es tut, und bewusst versucht, mich auszutricksen oder sich gegen mich durchzusetzen.
Das beeinflusst natürlich, welche Handlung für mich anschließend logisch erscheint.
Vielleicht werde ich strenger. Vielleicht korrigiere ich schneller. Vielleicht denke ich, ich müsste mich jetzt unbedingt durchsetzen.
Dabei könnte dieselbe Situation auch ganz anders betrachtet werden. Vielleicht ist das Pferd unsicher, überfordert, hat etwas noch nicht gelernt, hat eine bestimmte Reaktion in der Vergangenheit erfolgreich eingesetzt oder befindet sich gerade in einem emotionalen Zustand, in dem es die Situation nicht so bewältigen kann, wie wir es gerne hätten.
Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten automatisch mit Angst oder Schmerz erklärt werden muss. Es bedeutet vielmehr, dass wir vorsichtig damit sein sollten, menschliche Absichten in Pferdeverhalten hineinzulesen.
Je mehr wir verstehen, desto weniger brauchen wir negative Zuschreibungen
Genau deshalb ist für mich fundiertes Wissen so wichtig.
Ich glaube nicht, dass es besonders viel bringt, sich einfach vorzunehmen: „Ab heute sage ich nicht mehr, dass mein Pferd stur ist.“
Viel nachhaltiger ist es, zu verstehen, warum Pferde sich überhaupt so verhalten, wie sie sich verhalten.
Wenn ich weiß, wie Pferde wahrnehmen und lernen, kann ich viele Situationen plötzlich viel objektiver betrachten.
Dann wird aus „Mein Pferd verarscht mich beim Führen“ vielleicht die Frage: Was passiert unmittelbar vor diesem Verhalten und was lernt mein Pferd gerade aus meiner Reaktion?
Aus „Mein Pferd ist respektlos und bleibt beim Aufsteigen nicht stehen“ wird vielleicht: Was könnte dazu führen, dass das Verhalten immer wieder auftritt – und was verstärke ich möglicherweise unbewusst?
Und beim Verladen interessiert mich nicht mehr nur, ob mein Pferd „will“ oder „nicht will“, sondern auch, welche Erfahrungen es bisher gemacht hat und welche Konsequenzen sein Verhalten für es hatte.
Das verändert für mich das gesamte Training.
Pferde lernen immer – auch dann, wenn wir gar nicht bewusst trainieren
Pferde lernen nicht nur während einer geplanten Trainingseinheit. Sie lernen auch in den vielen kleinen Situationen unseres Alltags – beim Führen, beim Aufsteigen, beim Verladen, beim Einsprühen mit Fliegenspray oder wenn sie sich in einer ungewohnten Situation erschrecken.
Und genau deshalb können wir gar nicht verhindern, dass unser Pferd lernt. Wir können nur beeinflussen, was es aus diesen Situationen lernt.
Das ist für mich einer der wichtigsten Gedanken im Pferdetraining.
Denn wenn wir nicht verstehen, wie Lernen funktioniert, bleibt vieles dem Zufall überlassen. Wir reagieren auf das Verhalten, ohne genau zu wissen, welche Wirkung unsere Reaktion auf das zukünftige Verhalten haben kann.
Wenn wir dagegen verstehen, wie Lernen funktioniert, können wir viel bewusster handeln und Verhalten von Anfang an in eine positive Richtung beeinflussen.
Der größte Hebel: Lernverhalten verstehen
Für mich ist deshalb das Verständnis von Lernverhalten der absolute Dreh- und Angelpunkt, wenn wir unseren Blick auf Pferdeverhalten verändern wollen.
Denn je besser du verstehst, wie dein Pferd lernt, desto weniger musst du Verhalten mit Eigenschaften wie „stur“, „frech“ oder „respektlos“ erklären.
Du kannst genauer hinschauen, Zusammenhänge erkennen und vor allem selbst beeinflussen, was dein Pferd aus euren gemeinsamen Situationen mitnimmt.
Genau dafür habe ich meinen 60-Minuten-Crashkurs „So lernt dein Pferd“ entwickelt.
In einer Stunde bekommst du die wichtigsten Grundlagen zum Lernverhalten verständlich und praxisnah erklärt – damit du nicht nur weißt, was dein Pferd tut, sondern besser verstehst, warum es dieses Verhalten zeigt und wie du zukünftiges Verhalten positiv beeinflussen kannst.
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Für mich sind diese 60 Minuten deshalb nicht einfach nur ein Kurs über Lernverhalten. Es ist Wissen, das deinen Blick auf dein Pferd verändern und dich durch unzählige Situationen im Alltag begleiten kann.
Quelle: Catherall-Ostler, S. A., Catherall-Ostler, A. M., Pearson, G. & Hollis, A. R. (2026). Words matter: The prevalence and impact of negative emotive language in the equine industry. Equine Veterinary Education, 00, 1–9. DOI: 10.1111/eve.70097.